Berichte

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“

30.03.2017

Fachforum IN DER HEIMAT WOHNEN zum Thema
„Wohnprojekte mit Quartierskonzept im ländlichen Raum“

Joachim „Blacky“ Fuchsbergers Buch bleibt aktuell, aber das 6. Fachforum „In der Heimat wohnen“ im Bistumshaus St. Otto in Bamberg zeigt an diesem wolkenverhangenen Dienstag, dass Kommunen für selbstbestimmtes Altern in Würde sehr viel unternehmen können. 120 Vertreterinnen und Vertreter von Regierung, Behörden und Kirchen, von Städten, Kommunen und Gemeinden, von Wohlfahrtsverbänden, Forschungseinrichtungen, Bürgerinitiativen, Vereinen, Genossenschaften und Stiftungen sind am 21. März 2017 nach Bamberg gekommen, weil ihnen das Thema auf den Nägeln brennt. Es geht um die rasante demographische Entwicklung, die wachsende Zahl alter und sehr alter Menschen mit Einschränkungen und Multimorbidität, die Preisspirale bei den Mieten, die Suche nach bezahlbarem, barrierefrei gestaltetem Wohnraum und passende Lebenskonzepte zu Versorgung und sozialer Integration. Welche Konzepte haben Städte und Gemeinden, mit denen Ältere auf dem Land und in der Stadt selbstbestimmt, im sozialen Kontakt mit Jüngeren und Älteren, gut betreut und medizinisch versorgt so lange wie möglich zuhause leben können? Wie sehen Wohn- und Lebensmodelle aus, dass Senioren der Lebensmut nicht verlässt?  Diese Fragen werden in neun Vorträgen, einer abschließenden Podiumsdiskussion und mit engagierten Frage-und Antwortrunden im Publikum lebhaft diskutiert.

Neue Ansätze, Alternativen und Anregungen

Norbert Hartz vom Caritasverband für die Stadt und den Landkreis Coburg e. V. ist heute angereist, weil er die Fachforen „In der Heimat wohnen“ kennt und schätzt. „Ich verspreche mir wieder neue Ansätze, Alternativen und Anregungen“ sagt er beim ersten Begrüßungskaffee. „Die Veranstaltung eröffnet die Sichtweise auf eine neue Zielgruppe“, ergänzt Claus Kiesel von der Regierung in Mittelfranken, der im Bereich Planung und Bau das Kommunalinvestitionsprogramm KIP verantwortet. „Bauen für einkommensschwache ältere Menschen ist fördertechnisch eine besondere Herausforderung für uns.“ Inzwischen hat sich der große Saal im Bistumshaus gefüllt und die Augen der Gäste richten sich erwartungsvoll nach vorne zum Rednerpult.

„Entwicklung und Umsetzung quartiersbezogener Wohnprojekte für ein selbstbestimmtes Leben im Alter“

„Wir wollen mit unserem Modellprojekt „In der Heimat wohnen“ Mut machen und Vorbild sein“, sagt Dr. Klemens Deinzer in seiner Begrüßung. Als Vorstand der Joseph-Stiftung hat er in Zusammenarbeit mit dem Caritasverband der Erzdiözese Bamberg e. V. das Wohnmodell „In der Heimat wohnen“ für ein selbstbestimmtes Leben im Alter vor über 10 Jahren entwickelt. Weil Mut vor allem Wissen braucht, präsentiert Deinzer zur Veranstaltung einen 76 Seiten starken Praxisleitfaden für Kleinstädte und Gemeinden in strukturschwachen ländlichen Räumen mit dem Titel „Entwicklung und Umsetzung quartiersbezogener Wohnprojekte für ein selbstbestimmtes Leben im Alter“. Die beiden Autorinnen des Leitfadens, die Soziologin Nicole Rose und die Professorin Stefanie Richter von der Wilhelm Löhe Hochschule in Fürth, die den Leitfaden im Auftrag der Joseph-Stiftung und mit der Unterstützung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung erarbeitet haben, stellen darin ihre Forschungsergebnisse und praktischen Erfahrungen für Kommunen, Wohlfahrtsverbände, Wohnungsunternehmen und bürgerschaftlich getragene Initiativen vor.

Vorträge, Diskussion und Leitfaden malerisch dargestellt

Um ein Bauprojekt zu schultern, braucht es neben Leitfaden und Fachveranstaltung vor allem Begeisterung. „Die Begeisterung ist das, was Projekte erfolgreich macht“, kommentiert Moderatorin Tanja Föhr. Und weil Bilder bekanntlich mehr Begeisterung transportieren als tausend Worte, zeichnet die Moderatorin ein Bildprotokoll zur Veranstaltung mit griffigen Szenen und Symbolen. Nicole Roses Forschungsprojekt und Leitfaden erscheinen auf dem Tablet von Frau Föhr, das an die große Leinwand im Tagungssaal projiziert wird, buchstäblich in einem anderen Licht.

Beispiele aus der Praxis

Roses Forderung „Kooperation statt Rivalität“ haftet noch im Kopf, als Werner Klöckner im nächsten Vortrag auf die „Sorgende Gemeinschaft“ der Verbandsgemeinde Daun einstimmt. Klöckner illustriert gerade den Veränderungsprozess seiner Verbandsgemeinde mit John Kotters Pinguin-Prinzip, und schon lässt Tanja Föhr die possierlichen schwarz-weißen Tierchen über die Leinwand marschieren. Auch Klöckner kennt die Magie von Bildern und Geschichten: „Unsere Geschichte für die Veränderungsvision habe ich am Weißen Sonntag 2013 auf dem Balkon in der Sonne geschrieben,“ lacht er. Bei aller Professionalität ist Leichtigkeit offensichtlich eine weitere wichtige Zutat in Veränderungsprojekten, die der Verbandsgemeinde Daun sichtbar gutgetan hat.

Gesundheit im Alter

„Was dem Herzen gut tut, tut auch dem Kopf gut“, fasst Professorin Stefanie Richter plakativ einige Erkenntnisse zu Gesundheit im Alter und Demenzprävention zusammen. Zahlen, Tabellen und Grafiken belegen anschaulich, dass Ältere neben Vorsorge, stabilen Versorgungsnetzen und einem Case & Care Management die soziale Integration im Alter am dringendsten brauchen, damit sie lange gesund bleiben. Herzchen, Äpfel und bunte Kringel im Bildprotokoll hüpfen vor unseren Augen und Frau Richters glänzende weinrote Lackschuhe passen prima ins Bild.

Demenzkranke im Fokus

In den Praxisbeispielen für Demenzkranke von Ruth Domide vom Caritasverband Bayreuth und Ursula Kukrecht vom Caritasverband Nürnberg-Nord sprechen die Fotos für sich selbst: Demenzkranke zu betreuen ist ebenfalls nichts für Feiglinge und es braucht die Kompetenz professioneller Quartiersmanagerinnen, die zielgruppengerechte Angebote machen. In Nürnberg hat der Caritasverband Nürnberg-Nord zusammen mit der Joseph-Stiftung eine ambulant betreute Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz aufgebaut. Das Besondere ist, dass der Caritasverband die Demenz-Bewohner betreut, aber von einem Gremium der Angehörigen beauftragt wird. Der Pflegedienst ist nicht ein verordneter Dienstleister mit sicherem Auftrag, sondern gewählter Auftragnehmer, der abgewählt werden kann. Angehörige und Patienten nehmen aktiv Einfluss und werden über partizipative Strukturen in ihrer Selbstverantwortung gestärkt.

Nach so viel fachkompetentem Input ziehen die Tagungsgäste in der ersten Pause dankbar an ihren kurzen Strohhalmen und genießen frisch gepressten Orangensaft und bunten Obstsalat mit Quark. Für alle 120 Teilnehmer presst Karin Goin, die im richtigen Leben eigentlich die Rezeptionsleitung im Bistumshaus innehat, literweise gelben Fruchtsaft.

Engagement mit Herz und Verstand

Nach der Pause drückt Angela Lohmüller, eine zierliche Frau im schwarzen Kleid zu schwarzen Strümpfen und Schuhen, auf ihr Ansteck-Plastikherz und bringt es zum Blinken. „Wir brauchen Quartiersmanagerinnen und -manager mit Herz und Verstand“, ruft sie unter dem Beifall der Zuhörer. Dazu suchen die Einrichtungen sogenannte „People-People“, also Menschen, die in ihrem Quartier alle kennen, alles wissen, exzellent vernetzt sind und diese Fähigkeit auch noch gut vermitteln können. People-People sind der Schlüssel zur sozialen Integration in einem Quartier, einer Einrichtung, einem Modellprojekt, denn sie schaffen „von innen“ ein Miteinander, das von außen weder verordnet noch erfolgreich aufgesetzt werden kann. Den Schlüssel zum Erfolg für ihr Quartiersmanagement verrät Angela Lohmüller zum Schluss: „Fragen, fragen, fragen! Wenn man etwas lernen will, ist es gut, die Antwort nicht zu kennen.“

Projekte aus Sicht von Investoren

Eine Frau der Tat ist Gisela Raab, die dunkelhaarige Bauunternehmerin der Baugesellschaft Raab, die im nächsten Vortrag ihr Modellbauprojekt präsentiert. Die studierte Bauingenieurin hat das Unternehmen von ihrem Vater übernommen und zusammen mit der Joseph-Stiftung ein großes Projekt für „In der Heimat wohnen“ in Bad Staffelstein realisiert. Drei der 15 Mietwohnungen sind öffentlich gefördert und die Mieterinnen in diesen Wohnungen sind alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern.

Vor dem Eingang zum Quartier lädt ein luftiger Pavillon aus hellem Holz zum Verweilen ein. Bewusst verzichtet Gisela Raab auf die Miete für die Nachbarschaftswohnung – das ist ihr persönlicher Beitrag zum Gelingen des Ensembles.  Es ist deutlich herauszuhören, dass es für solche Bauprojekte ein bewusstes Commitment im Unternehmen und eine große Portion Engagement braucht. Gisela Raab hat das mit ihrer Belegschaft geschafft und die Leitplanken in zwei großen Zukunftskonferenzen dokumentiert. Auch in der Wirtschaft im Unternehmen Raab ist das Mittel der Wahl nicht „verordnen“, sondern die Einladung zum Mitgestalten.

Starke Partner, damit Projekte langfristig Erfolg haben

Vor dem Mittagessen mischt Torsten Bölting von InWIS den Saal mit seinem trockenen Humor noch einmal richtig auf. Wo gebaut wird, muss auch bezahlt werden. Und wer fördert bezahlbaren Wohnraum mit so vielen Vorgaben? Herr Bölting gehört zum Beraterteam des Landesbüros altengerechte Quartiere Nordrhein-Westfalen. Das Landesbüro hat für NRW eine Förderdatenbank aufgebaut, die auch über Landesgrenzen hinaus Informationen zu Fördermöglichkeiten von Quartiersprojekten liefert und für alle Interessierte auf der Homepage des Landesbüros zur Verfügung steht. „Das Landesbüro berät dabei, Projekte zu verstetigen und langfristig abzusichern. Viele Kommunen denken nicht über die Förderphase hinaus. Bei Ihnen in Bayern ist das anders, aber das ist nicht normal“, lobt Bölting in den Saal. Sein Fazit: Es braucht „Political Leadership“, die Vorreiterrolle der Politik, eine tragfähige Konstruktion zwischen den beteiligten Akteuren, einen effizienten Finanzierungsmix und „Operational Leadership“ durch einen starken Akteur. Nur dann werden diese ambitionierten Projekte auch langfristig erfolgreich sein.

Über Suppe, Huhn und Reis, Hackbraten mit Kartoffelpüree und Teigtaschen mit Salat und Pilzsoße geht die Diskussion beim Mittagessen im großen Speisesaal des Bistumshauses weiter. Maria Böhm, die Leiterin des Bistumshauses, sorgt mit Creme Caramel und Kaffee zum Abschluss dafür, dass aus den hungrigen Teilnehmern bei der anschließenden Podiumsdiskussion zufriedene Zuhörer werden.

Was ist altengerecht?

Mit den Leitfragen „Was ist altengerecht? Was können Ältere tun, um länger gesund zu bleiben? Wie fängt man am besten an?“ fassen die Vortragenden unter der Moderation von Tanja Föhr noch einmal die Quintessenz des Tages zusammen. Altengerecht ist das, was alten Menschen die Teilhabe am öffentlichen Raum sichert, sie nicht überfordert und sie in ihrer Würde und Selbstbestimmung stärkt. „Und was den Alten hilft, schadet den Jungen auch nicht“, frotzelt Torsten Bölting. Zusätzlich zu einem gesunden Lebensstil mit viel Bewegung und gesunder Ernährung hilft eine sinnstiftende Tätigkeit nachweislich dabei, lange gesund zu bleiben. Für den Anfang muss es auch nicht immer ein Haus sein: „Man muss nicht mit den Häusern, sondern mit den Menschen anfangen“, formuliert Werner Klöckner. „Es braucht Quartiersmanagement“, ergänzt Angela Lohmüller unter Beifall. „Chefsache muss es sein“, konstatiert Torsten Bölting. „Wir brauchen die Bürgermeister“, ergänzt Gisela Raab und Stefanie Richter lenkt zum Schluss den Fokus erneut auf die Benachteiligten: „Wir brauchen Offenheit für die Bedürfnisse und den Bedarf, auch für all jene, denen die Teilhabe häufig verwehrt ist.“

Einblick in die Forschungsinitiative „Zukunft Bau“

Zum Abschluss rundet Dr. Michael Brüggemann vom Fraunhofer Informationszentrum Raum und Bau mit seinem Vortrag die Veranstaltung mit Förderinformationen zur Forschungsinitiative „Zukunft Bau“ ab. Seit 10 Jahren unterstützt die Forschungsinitiative die Innovationsfähigkeit der deutschen Baubranche. Forschungsvorhaben zu konkreten Fragestellungen werden beauftragt und Unternehmen, Kommunen, Initiativen und Einzelpersonen können sich mit eigenen Forschungsideen an die Zukunftsinitiative wenden. Die Erkenntnisse der von der Forschungsinitiative geförderten Projekte werden in Form von Leitfäden, Schriftenreihen, Forschungsberichten und einem Online Magazin dem Fachpublikum zur Verfügung gestellt. Interessierte profitieren von den Hilfestellungen z. B. unter www.nachhaltigesbauen.de, www.wecobis.de, www.leitfadenbarrierefreiesbauen.de und www.bbs-energieeinsparung.de. Die neue Antragsrunde mit Fördermöglichkeiten startet demnächst.

Keine Angst vor dem Alter

Zum Abschied gibt es rosa Blumensträuße und Wein aus Bamberg für die Vortragenden und die Moderatorin, während auf der Leinwand Zeichnungen den vergangenen Tag illustrieren. „Wir hoffen, dass Sie den einen oder anderen Impuls mit nach Hause nehmen, um die Zukunft des Alterns neu zu denken“, formuliert Dr. Klemens Deinzer in seinem Schlusswort.

Die Anregung, dass in Würde altern heißt „den Wind im Haar zu spüren“, wie Angela Lohmüller sinniert, setzt Claus Kiesel von der Regierung Mittelfranken aus dem Bereich Planung, Bau und Kommunalinvestitionsprogramm KIP spontan männergerecht um: „Ich würde mir einen Z4 kaufen“, sagt er auf die Frage, wie er gerne alt werden möchte. Gegen die Angst vor dem Alter helfen neben den professionellen Instrumenten, Methoden und Erkenntnissen der Veranstaltung vor allem der Mut und die Freiheit, das Leben zu spüren. Bis zum Schluss.

Michaela Reimann, Mitglied der Geschäftsleitung, Joseph-Stiftung

Außerdem finden Sie hier den Link zu den Materialien des Fachforums 2017:
Präsentationen und Vorträge